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Die Schlittenfahrt meines Lebens


Es ist schon ein paar Tage her, geht mir aber nicht aus'm Kopp. Ich habe ja nie einen Hehl daraus gemacht, wie ich im Winter bei Schnee Auto zu fahren pflege: Im Prinzip nicht anders, als bei jeder anderen Witterung auch. Will sagen, ich lasse mich nicht sonderlich davon aufhalten. Das einzige Problem, das ich mit verschneiten Straßen habe, sind andere Verkehrsteilnehmer, die ein Problem mit verschneiten Straßen haben...

schlittenfahrtSo gesehen fahre ich vor allem unter solchen Gegebenheiten am liebsten nur nachts, wenn nix los ist, und ich die Straßen quasi für mich allein habe. Wenn dann doch mal ein Hindernis auftaucht, kann ich das wenigstens schnell hinter mich bringen. Ansonsten verbringe ich ziemlich viel Zeit auf Gegenfahrbahnen...^^
Ich kann mich z.B. noch an einen Winter mitte der 90er erinnern, wo ich zu einer Party bei einer guten Freundin in Kiel war. Dort hatte es ein wenig angefangen zu schneien, allerdings gerade mal so viel, daß alles von einem Hauch Schnee übergepudert war. Je näher man nach Hamburg kam, desto fetter wurde das Schneegestöber. In Hamburg hab ich einen Boxenstopp bei Muttern eingelegt, wo ich mich eine 3/4stunde aufgehalten habe. Als ich wieder zum Auto kam, konnte ich es aus einer fast 10cm dicken Schneedecke ausbuddeln.
So war also abzusehen, daß ich bis nach Hause lange unterwegs sein würde. Auf der A1 war das gar nicht mal so schlimm, aber über Land wurd's interessant... Irgendwann hatte ich auf der B51 eine Kolonne von acht Autos vor mir, die sich mit konstant 30 km/h bewegte.
Nun ist es in dieser Gegend ja so, daß man manchmal Streckenabschnitte vorfindet, die kilometerlang wie mit einem Lineal durch die Landschaft gezogen scheinen. So eine elendig lange -um nicht zu sagen, elendig lang ersehnte- Gerade brachte dann die Wende. Ich schau an der Schlange vorbei und siehe, am Horizont ward's dünkel - jetzt oder nie!
Ich also links rüber und Gas, hinten mit Tempo 30 angefangen, vorne am ersten mit 90 vorbei - YESSS!!! Und mit diesem Streifen ging's bis nach Hause.
Damals hatte ich einen 124er Mercedes 230E mit mistneuen Winterreifen drauf. Auf geschlossener Schneedecke wie auf der Tour waren die einfach fantastisch^^

Szenenwechsel:
Heute fahre ich einen Jaguar XJ40 mit nicht mehr mistneuen, aber immer noch sehr guten Winterreifen, und es ist Winter - aber mal so richtig Winter...
Solche Schneemengen hatten wir ja in diesen Breiten schon lange nicht mehr, aber ich find's einfach nur geil! Wie die Kinder mit dem Schlitten rausgehen, um im Schnee rumzutollen, mach ich das auch, nur ist mein Schlitten etwas größer...
Letzten Samstag, am 02.01.2010 fand im Zwischenfall in Bochum die zweite Ausgabe des "Vintage Electronic Festivals" statt. Der Hinweg fing schon mal kriminell an. Allein zur A2 zu kommen, war schon anstrengend. Es gibt kurz vor der Autobahn auf der B482 einen Abschnitt, auf dem man eine zweite Spur nur für diese Fahrtrichtung angelegt hatte. Bei dieser Witterung blieb die praktisch ungenutzt - gut für mich, hehe.
Obwohl dieser Abschnitt zu kurz wäre, um schätzungsweise 15 Autos zu überholen, war das eigentlich absolut problemlos möglich. Mir blieb auch nicht viel anderes übrig, als durchzuziehen, weil diese Kolonne so dicht war, daß ich nirgends hätte einscheren können - brauchte ich aber auch nicht.
Endlich auf der A2 bekam ich alsbald die Pimpanellen. Scheißendreck, war das voll hier! Alles dicht an dicht, über alle drei Spuren verteilt mit maximal 60km/h dahinkriechend. Als ich mal ein längeres Stück überblicken konnte, sah ich einen dreistreifigen Lindwurm aus roten Lichtern von mir bis zum Horizont. Wenn das so weitergeht, krieg ich gerade noch die Zugabe der letzten Band mit, dachte ich so bei mir...
Naja, zwischen Herford und Bielefeld hat sich der Verkehr etwas aufgelockert, ab Bielefeld ging's auch schon zügiger voran, und ab Hamm gab es nichts mehr, was einen gehindert hätte, den Hahn aufzureißen. Auf mittlerweile schneefreier Strecke hab ich also herasgeholt, was ich am Anfang vertrödelt hatte und kam überpünktlich am Z'fall an.

Als ich nach Konzert und Party wieder zum Auto kam, durfte ich es erst mal ausbuddeln - es hatte wieder geschneit. Dementsprechend spannend war der Weg zur A40, aber sobald man den blanken, wenn auch nassen Asphalt der Autobahn unter den Rädern hatte, war alles wieder gut. Auf der ganzen Strecke, die noch innerhalb des Ruhrpotts lag, waren die Autobahnen schneefrei wie auf dem Hinweg. Also bschloß ich, es gemächlich angehen zu lassen und mit maximal 130km/h entspannt gen Heimat zu gleiten.
Mit Entspannung war's ab dem Kamener Kreuz vorbei, als dann das Schneegestöber losfing. Kurz vor Hamm wurde die Fahrbahn innerhalb von ein paar hundert Metern weiß! Von da an hab ich also bis nach Hause weder Asphalt noch Markierungen gesehen. Na gut, abgesehen von einer "Loipe", die sich auf der rechten Spur gebildet hat, dort schimmerte es dunkel durch.
So hab ich denn mein Tempo auf 100 reduziert, womit sich trotzdem noch gut cruisen ließ. Zudem hatte ich noch einen vor mir, der im selben Rhythmus wie ich unterwegs war, so hatte ich einen Blindenhund, an dem ich mich orientieren konnte.^^
Und das war ne coole Sau! Irgendwann pendelte sich das Marschtempo auf 110 ein. Lediglich zum Überholen wurd's etwas langsamer, da wir ja aus der Loipe raus in den tiefen Schnee mußten - und der bremst wie Hölle! Außerdem ist es im tiefen Schnee auch ein Eiertanz, das Auto unter Kontrolle zu halten, aber nix, wessen sich nicht Herr werden ließe.

Ums eine oder andere mal wurden wir allerdings noch viel stärker ausgebremst. Da, wo's ging, konnten wir mit ca 80 bis 90 überholen, das geht aber nicht, wenn sich andere mit 60 oder weniger über die ganze Breite der Bahn verteilen... Kam zum Glück nicht oft vor, aber ich hatte nach jedem Überholvorgang den Eindruck, daß es immer schneller voranging. Bis Bielefeld waren wir immerhin bei Tempo 120...
Am bzw auf dem Bielefelder Berg hätt ich fast das Kotzen gekriegt. Da krochen sie auf allen drei Spuren (was heißt Spuren? Die waren ja nicht zu erkennen, jeder kroch da lang, wo Platz war!) Erstaunlicherweise hielt mein "Blindenhund" die Füße still und blieb hinter seinem erstbesten Vordermann. So konnte ich im langsamen Vorbeischleichen mal rüberschauen - was ne coole Sau! Der hing hinterm Steuer, wie bei ner Sonntagnachmittagsspazierfahrt!
Als es wieder übersichtlicher wurde, zog er wieder an mir vorbei und ich wieder hinter ihm her. Ich hatte ja schon aufgrund seines Kennzeichens gedacht, er würde BI-Zentrum abfahren, aber ich konnte mich noch ein Stück an sein Heck hängen - oder auch nicht...
Ich war bis dato mit einem Abstand von etwa 100 Metern die ganze Zeit hinter dem her gekachelt, aber dann wurde der Abstand immer größer. Ich hatte nun mittlerweile wieder 120 Sachen drauf, und der wurde immer schneller! Zur Erinnerung, ich rede hier von einer fett eingeschneiten A2...
Da hat's bei mir aufgehört, mit 130 oder mehr wollte ich nicht mehr mithalten. Ich habe dann noch gesehen, wie er die nächste Abfahrt nahm und beschloß nun ohne "Blindenhund" mit 100 bis 110 allein meine Bahn zu ziehen. Aber in dem Typen hab ich echt meinen Meister gefunden, ich hätte nie gedacht, einen zu begegnen, der genauso bekloppt, wenn nicht noch bekloppter ist als ich.
Hinterm Herforder Berg war ich gerade auf der (mutmaßlichen^^) linken Spur, als vor meiner Nase plötzlich ein Reisebus ausscherte! Verdammte Hacke, konnte der nicht warten, bis er dran war?!! Dann zog er wieder zurück nach rechts, hatte allerdings auch schon seine 90km/h drauf. Jetzt also mit entsprechend mehr als 90 durch den Tiefschnee...? Ich hab's erst mal bleiben lassen und bin hinter dem Bus geblieben - Scheißidee...
Dieser Bus schmiß mir also tonnenweise den Schmödder vor die Fresse, und zwar so übel, daß ich nichts, aber auch gar nichts mehr gesehen habe. Mit dem Scheibenwischer kam ich nicht gegen an. Irgendwie mußte ich an dem vorbei, aber wie? Ich sah ja nix!
Dann zog er wieder links rüber zum Überholen - ich auch. Als er dann auf die rechte Spur zurückzog, bin ich links geblieben und hab mich langsam aber sicher mit knapp 100 Sachen durch den Tiefschnee an dem vorbeigeschlichen. Endlich konnte ich wieder gucken und entpannt weiter meine 110 halten...^^
Als ich bei Bad Oeynhausen mal kein anderes Auto um mich herum hatte, machte ich mal kurz Fernlicht an. Irgendwie sah das komisch aus: Man sah zwar viel mehr Schneeflocken fliegen, aber kaum noch was von der Straße... Also beschloß ich, bei der Tanke direkt an der Abfahrt Minden-Porta nach dem rechten zu sehen.
Die gesamte Frontpartie inklusive der Fernscheinwerfer war mit einer zwei Zentimeter dicken, steinharten Einskruste bedeckt! Sogar der untere Rand der Scheinwerfer mit dem Abbledlicht! Dem Eispanzer bin ich erst mal mit nem Eiskratzer zuleibe gerückt...
Auf dem Weg nach Minden hatte ich zum Glück keinen vor mir, der mich aufgehalten hätte, so bin ich erst mal zum Restaurant "Zur Goldenen Möve" gefahren, denn diese Ochsentour hat Kohldampf gemacht. Dort angekommen, warf ich mal nen Blick zur Uhr: es war vier Uhr morgens, das heißt, ich bin die Strecke (ca 180 km) in ziemlich genau zwei Stunden gefahren, oder sollte ich sagen, geflogen...?

P.S.: Ich habe bewußt darauf verzichtet, zu erwähnen, welches Kennzeichen das Auto respektive der "Blindenhund", in dem ich meinen Meister gefunden habe, trug.
Ich werde es auch hier nicht - das geht einfach zu hart gegen mein Ego...*narf*