Weil wegen der Sicherheit und so
Ich arbeite seit fast 25 Jahren für die größten vier Buchstaben der Chemiebranche. Bei einem Laden, hinter dem ein Riesenkonzern, ein Global Player steht, wird natürlich nach internationalen Standards gearbeitet. Auch was die Arbeitssicherheit angeht, versteht es sich von selbst, daß "wir" da ganz vorne mitmischen. Und damit das auch gewährleistet bleibt, müssen natürlich die entsprechenden Koriphäen daraufhin eingenordet, will sagen, geschult werden.
So unterhält die Firma eine Abteilung, die sich SUG nennt: Sicherheit, Umwelt, Gesundheit. Diese Abteilung sorgt also dafür, daß wir alle schön in Watte gepackt werden, damit sich auch ja keiner wehtut... Ok, das ist jetzt übertrieben, aber Tatsache ist, jeder Verbandkasten, Feuerlöscher, Augenspüleinrichtung, Notdusche, Fluchtweg, etc, etc,... sind keine gnadenhalber gewährte Dreingabe der Firma, sondern unabdingbares Muß.
Aber mit diesen Dingen allein ist es natürlich nicht getan. Man muß auch damit umgehen können, und man muß vor allem wissen, wo sie sich befinden.
Aber damit alleine ist es immer noch nicht getan... Damit wir alle so sicher wie in Abrahams Schoß vor uns hin muckeln können, müssen wir uns selbstverständlich entsprechend kleiden und ausrüsten. Also Arbeitsanzug aus Nomex (schwer entflammbar und elektrostatisch ableitfähig), Sicherheitsschuhe mit Kappe und ableitfähiger, durchstichsicherer Sohle, Helm, Schutzbrille... kurz gesagt, die "persönliche Schutzausrüstung" PSA.
Und wenn wir darüber hinaus noch weitere Schutzmaßnahmen vornehmen, wie z.B. das papierne Ganzkörperkondom, den Tyvekk-Overall oder am besten gleich den CSA, den Chemieschutzanzug (wo man echt verloren hat, wenn man mal dringend wohin muß. Das Auspellen dauert mind. ne 1/4 Stunde) oder meinetwegen auch nur eines von zig verschiedenen Sorten Handschuhen und Atemschutzmasken, dann kann einem doch überhaupt nichts mehr passieren...!
Von wegen!
Jeder Schutz taugt nur so viel, wie der, der ihn benutzt. Und weil wir ja alle zu doof sind, um auf uns selbst aufzupassen, und nicht mal unsere Sicherheitseinrichtungen uns vor Unfällen bewahren, müssen wir alle extra auf sicheres Verhalten geschult werden.
Wie benutze ich eine Treppe, ohne mich auf die Fresse zu packen? Welche Handschuhe brauche ich, um in welchen Chemikalien rumzuwühlen, ohne daß mir die Finger abfallen?
Solche Fragen werden in quartalsmäßigen Unterweisungen beantwortet. Aber damit nicht genug. Natürlich sind Vorgesetzte, also Weisungsbefugte diejenigen, die uns sagen, was wir zu tun und zu lassen haben. Letztendlich ist aber jeder für sein eigenes Handeln verantwortlich - auch für das seiner Kollegen. Denn wenn es um die Sicherheit geht, ist jeder jedem in gewisser Weise weisungsbefugt.
Natürlich nicht in dem Sinne, daß man sich als Vorgesetzter aufspielt, sondern man hat die Pflicht, seinen Kollegen, wenn er eine unsichere Handlung begeht, auf sein Fehlverhalten aufmerksam zu machen.
Aber jeder heißt noch längst nicht jeder...
Es gibt da einen kleinen Kreis von Auserwählten, die ein klitzeklein wenig aus der Masse der Belegschaft herausragen - die Sicherheitsbeauftragten, im Folgenden kurz SB genannt! Ein undankbarer Job...
Als SB hängt man zwischen zwei Stühlen: Auf der einen Seite bist du gerade als SB besonders auf die Einhaltung der von der Firma propagierten (weil von der BG auferlegten) Sicherheitsphilosophie verpflichtet, auf der anderen Seite mußt du damit rechnen, von deinen Kollegen als Sicherheitsklugscheißer abgestempelt zu werden, der einem mit seinen Ermahnungen auf den Sack geht. Wie oben erwähnt, ist jeder in der Pflicht, andere auf unsicheres Verhalten anzusprechen. Nur wenn man dies als SB tut, verdrehen die ertappten Kollegen erst recht die Augen...
So ist man besser dran, wenn man sich einfach um die übrigen Aufgaben von SBs kümmert, wie die Überprüfung der Sicherheitseinrichtungen, oder diversen Treffen, bei denen Sicherheitstechnische Schwachstellen besprochen werden.
Zum SB kann man sich bewerben, oder man wird dazu ernannt. Letzteres war bei mir der Fall, es wurde mir quasi auf's Auge gedrückt. Ich habe etwas wiederwillig zugesagt, vor allem, weil ich als SB einen E-Mailaccount bekam - ich hatte nämlich bis dato keinen eigenen Computer zu Hause... Aber ansonsten kann ich nicht behaupten, daß ich mich in diesen Job reingekniet hätte. Die ersten zwei Jahre hab ich eigentlich gar nichts gemacht. Dann sollte ich mich letztes Jahr zum ersten mal für einen SB Grundlehrgang anmelden. Da wurde ich abgelehnt. Nein, abgelehnt kann man das nicht nennen, es gab mehr Anmeldungen als Seminarplätze, und ich hab nicht mehr reingepaßt. Neues Jahr, neues Glück - neue Absage...
Und dann kam die Berufsgenossenschaft...
Und die hatte eine tolle Idee: Unsere Firma sollte 30 Teilnehmer für ein BG-Sicherheits-Seminar zusammentrommeln, und zwar aus allen Ebenen. Das heißt, vom kleinen Schichtmuckel (natürlich SB) über Meister/Vorarbeiter bis zum Doc Chef, also Betriebsleiter. Teilnehmer aus jeder Hierarchieebene und aus allen Abteilungen.
Die BG Chemie unterhält zwei Seminarzentren, eins in Maikammer bei Ludwigshafen, und ein anderes in Laubach bei Gießen, wo unser Seminar stattfand. Ein klasse Laden!!! Nee, ohne Spaß, wenn die Gegend nicht so'ne tote Tucht wäre, wär das ein suuuuper Hotel...:))) Aber ich schätze, es wäre auch schweineteuer. Der Wohnbereich umfaßt auf drei Etagen mehrere Flügel mit Einzelzimmern, jedes ausgestattet mit Dusche/WC, Telefon, TV/Radio, Außenrollo an den Fenstern (elektrisch!), die Zimmertüren werden mit Karten geöffnet - es gibt also keine Schlüssel...
In der Kantine gibt es ein reichhaltiges Frühstück, leckeres Mittagessen, Kaffee und Kuchen am Nachmittag und zum Abend Aufschnitt und Brot, so frisch wie zum Frühstück. Darüber hinaus alle Arten von Getränken (außer Alk, versteht sich) und man kann sogar mit dem Küchenpersonal über Sonderwünsche verhandeln.
Unter der Kantine gibt's sogar noch ne Kneipe, die bis 0:00 Uhr offen hat - sogar mit Alk...;)
Summasummarum drei Tage Seminar mit Vollpension auf BG-Kosten...;)
By the way, wenn es dich, lieber Leser/liebe Leserin irgendwann einmal in die Gegend von Gießen verschlägt, Besuche UNBEDINGT das Justus-Liebig-Museum!!! Es lohnt sich - für das Erlebnis lohnt es sich sogar, einen eigenen Blog zu schreiben...;)
Was ich noch ein wenig seltsam fand -zumindest für mich persönlich- unser Seminar wurde als "Aufbauseminar für Sicherheitsbeauftragte und Führungskräfte" bezeichnet. Aufbauseminar?! Hey, ich hatte ja noch nicht mal das Grundseminar!! Egal, ich fand's klasse und würde es jederzeit wieder mitmachen. Auch fein fand ich, daß wir mit eigens gechartertem Bus hingekarrt wurden, und nicht mit dem Zug fahren mußten.
Genau davor graut mir beim Gedanken ans Grundseminar - falls ich in diesem Leben noch mal teilnehmen darf. Ich hab ja nichts gegen das Zugfahren an sich. Ich hab nur was gegen die Umsteigerei, die Verspätungen, die dadurch verpaßten Anschlüsse, die Unflexibilität am Zielort und die Abhängigkeit vom ÖPNV bzw sonstigen Mitfahrgelegenheiten unrasiert und fern der Heimat...
Ich plädiere also vehement dafür, mit eigenem Auto anzureisen. Hey, mein Auto ist schließlich eines, mit dem schon der Weg das Ziel ist...;)) Das Problem ist aber: mein Arbeitgeber, der mich auf die Reise schickt, verbietet mir das! Ich bin gezwungen, mit dem Zug zu fahren! Ich will aber nicht!!!
Und das schärfste: einige wenige SBs von anderen Firmen kommen auch per Bahn, die meisten kommen mit eigenem PKW! Von Kollegen, die schon Seminare in Laubach oder Maikammer absolviert haben, die sich mit anderen SBs vor Ort unterhalten haben, weiß ich, daß unsere Firma die einzige überhaupt ist, die es ihren Mitarbeitern verbietet, mit eigenem PKW anzureisen!!!
Also mit der Reisebuslösung könnte ich mich ja noch anfreunden. Das ist fast so schön wie mit Auto, nur viel komfortabler. Und man ist unabhängiger als mit der Bahn...
Die Hinfahrt war allerdings abenteuerlich. Der Fahrer war schon ein etwas älteres Semester, so daß man eigentlich von einer gewissen Ausgeglichenheit ausgehen sollte. Denkste! Wir waren noch nicht mal auf der Autobahn, da hat er schon das erste mal auf die Hupe gehauen. Das zweite mal auf der A2 am Bielefelder Berg. Dann kam ne Weile nix, aber insgesamt kamen fünf Hupenattacken zusammen - soviel zum Thema ausgeglichen... Naja, und unter einem sensiblen Bremsfuß stelle ich mir auch was anderes vor... Zeitweilig haben wir um unsere Unversehrtheit gebangt.
Die Rückfahrt gestaltete sich da schon entspannter. Der Fahrer war nur halb so alt, aber doppelt so ausgeglichen...;) Lediglich die Musikauswahl war zunächst etwas grenzwertig, aber nur solange, bis wir außer Reichweite von Bayern1 waren...*g*
Perfekterweise lagen die drei Seminartage in der Frühschichtwoche, so hatte ich noch zwei Frühschichten bis zum (langen) Wochenende zu überstehen. Was aber nicht heißt, daß die ersten drei Tage locker und easy waren - oh nein! Letztendlich hatte ich in etwa das selbe Schlafdefizit wie in einer ganz normalen Frühschicht, nur die Maloche war eine andere...;)
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